Glosse

Ein Philosoph und das Häuschen in der Datenwolke

von Werner Augustin

Der Verfasser dieser Zeilen steht in dem Ruf, ein fröhlicher Typ zu sein. Völlig zu Unrecht. In Wirklichkeit scheut er die Menschen wie der Teufel das Weihwasser. Kein Schwimmbad, kein Biergarten. Bei der Vorstellung, einkaufen zu müssen, bekommt er schweißnasse Füße. Ferienreisen sind tabu. Wegen „Insassenhaftigkeit“.

Ob der Verfasser als zeitversetzter Bruder des verschatteten Philosophen Arthur Schopenhauer durchginge? Schon! Denn…

… als sich vor vier Jahren das Menschsein aus bekannten Gründen in eine Datenwolke verzog, schlug seine Stunde. Eine große Funktechnikmesse wurde kurzerhand vom Bodensee in den Cyberspace verlegt. Der Verfasser legte sich ein „Skin“ zu, mutierte also zu einem kleinen Männchen (wie im echten Leben), tippelte fröhlich durch die virtuellen Messehallen, klickte Ausstellungsstände an und traf Leute im Chatroom. Alleinsein als Kunst- und Lebensform!

Dem guten Schopenhauer ist der ganze Mief und Muff seiner Zeit tierisch auf die Klötz´ gegangen. Heute hätte er es besser. Könnte sich ausleben auf einem „virtuellen“ Grundstück in „The Sandbox“, einem Internet-Universum voller schöner Orte, fröhlicher Menschen (real abwesend!) und schillernder Farben. Es ist kein Witz, dass „dort“ vor längerer Zeit eine New Yorker Firma ein Stück „Land“ für 4,3 Millionen Dollar gekauft hat. Wobei man nicht mit „Greenbacks“, sondern der Kryptowährung „Mana“ bezahlte. Andere investieren ebenfalls fleißig in diversen Anbieterplattformen. Upland, ERTHA, Somnium Space, Decentraland und so weiter. Notarinnen und Grundbuchbeamte, aufgemerkt! Sie können nach Hause gehen. Oder eine Ferienreise machen. Fortan hört die Matadorin des Geschehens auf den schönen Namen „Blockchain“. Das ist so eine mathematische Schlange, die grundgütig die meisten Grundstücks-Transaktionen absegnet und dabei immer länger wird.

Die Schnäppchenmeile auf der Metaverse-Karte (so eine Art Stadtplan von Entenhausen) dürfte die „Fashion Street“ gewesen sein. Sah auch fesch aus, wenn man hin surfte. Lauter bunte Klötzchen. Mittlerweile ist sie wohl für ein paar Milliönchen über den Ladentisch gegangen. Berappt in Etherium, Bitcoin, Mana, Tether oder anderen Pixelpiepen. Man darf drauf wetten, dass selbst ein verschlossener Typ wie unser Herr Schopenhauer in diesem Traumambiente mit Lara Croft (oder deren Tochter?) einen virtuellen Pina Colada schlürfen würde! Oder ein kühles Pils. Aus dem eigenen Kühlschrank.

Vielleicht bastelt er sich die Cocktailbiene auch selbst? Oder lässt gleich die KI ran? Raus kommt ein Non-fungible-Token, eine flotte Pixelmaus nebst digitaler Signatur, dank Mama Blockchain unkopierbar und einmalig. Stellt sie dann auf die Fashion Street 1 und verlangt von jedem der sie beguckt zwei Ether, das sind umgerechnet so 4.200 Euro. Ist der Philosoph seiner Kunstbraut überdrüssig, vertickt er sie einfach. Etwa an den Eigentümer des Nachbargrundstücks, Fashion Street 3. Wo gerade das Einkaufszentrum, sorry, die Mall, entsteht. Da die Pixelpreise steigen und akuter Fachkräftemangel in der IT herrscht, verdoppeln sich die Kosten für das Ding. Was aber keinen juckt, denn die künftigen Ankermieter, zwei Sportartikelhersteller, eine Fashionkette und ein globales Gummibärchenimperium haben inzwischen so viel Kryptozaster auf den Festplatten,
dass es für halb Upland reicht. Oder The Sandbox. Ganz nebenbei entstehen neue Berufe:
der Certified Metaverse Valuer, also ein Bewerter für Fashion Street und Co., die Non-Real-Estate-Maklerin und der/die Sachverständige für Schäden an virtuellen Bauwerken. Was das für Schäden sein sollen, werden Sie einwenden… Naja, vielleicht reißt ja mal die Blockchain oder schlängelt in die falsche Richtung. Ganz im Sinne Schopenhauers: „Die Welt ist ein Jammertal“.

Nicht nur die reale!